
Die Zinsfalle der USA – und warum Gold gerade jetzt interessant wird
An den Finanzmärkten genügt derzeit häufig eine einzige Nachricht, um die Stimmung zu drehen: Die amerikanische Notenbank könnte die Zinsen weiter erhöhen – vielleicht um 0,25 Prozentpunkte oder sogar um 0,50 Prozentpunkte, möglicherweise in zwei Schritten.
Besonders interessant ist dabei die Frage, was steigende Zinsen tatsächlich für Gold bedeuten – und ob die Vereinigten Staaten dauerhaft in der Lage sind, ein deutlich höheres Zinsniveau zu finanzieren. Denn während über die nächste Zinsentscheidung der Federal Reserve diskutiert wird, läuft im Hintergrund ein wesentlich größerer Prozess ab: Die USA müssen ihre bestehenden Schulden laufend refinanzieren. Fällige Staatsanleihen werden zurückgezahlt und durch neue Anleihen ersetzt, während gleichzeitig neue Schulden zur Finanzierung der Haushaltsdefizite aufgenommen werden.
Gleichzeitig reduzierten wichtige ausländische Gläubiger ihre Bestände an US-Staatsanleihen, darunter Japan um rund 26,4 Milliarden, China um rund 25,9 Milliarden und Großbritannien um weitere 8,7 Milliarden US-Dollar. Allein im Monat Juni gingen die ausländischen Treasury-Bestände insgesamt um rund 72 Milliarden US-Dollar zurück.
Es zeigt uns, dass sich die Zusammensetzung der Käufer der US-Staatsanleihen verändert und die USA für ausreichend Nachfrage nach ihren Anleihen sorgen müssen.
Und genau hier entsteht ein bemerkenswerter Kreislauf: Steigende Zinsen machen US-Staatsanleihen attraktiver und können Kapital in den Dollarraum lenken. Gleichzeitig erhöhen höhere Zinsen aber die Finanzierungskosten des Staates. Je mehr bestehende Schulden zu höheren Zinssätzen refinanziert werden müssen, desto größer wird die Zinslast.
Die entscheidende Frage lautet daher: Wie lange kann ein so hoch verschuldeter Staat ein solches Zinsniveau tatsächlich tragen?
Ein Blick zurück zeigt dagegen, wie erstaunlich sich Gold verhalten kann, besonders wenn man auf die letzte große Zinserhöhungsphase zurückblickt.
Zwischen März 2022 und Juli 2023 erhöhte die Federal Reserve ihren Leitzins innerhalb von rund 16 Monaten von 0,25–0,50 Prozent auf 5,25–5,50 Prozent. Das war eine der schnellsten und stärksten Zinswenden der vergangenen Jahrzehnte.
Gold reagierte zunächst so, wie man es erwarten würde. Der steigende US-Dollar, höhere Anleiherenditen und die Aussicht auf dauerhaft höhere Zinsen setzten das Edelmetall erheblich unter Druck. Der Goldpreis, der zu Beginn dieser Phase noch bei rund 2.000 US-Dollar je Feinunze gelegen hatte, fiel bis September 2022 zeitweise auf rund 1.600 US-Dollar – ein Rückgang von etwa 20 Prozent und damit in der Spitze eine durchaus deutliche Korrektur.
Doch dann geschah etwas, das für die langfristige Betrachtung wesentlich interessanter ist: Trotz der weiteren massiven Zinserhöhungen der Federal Reserve erholte sich Gold wieder. Im Juli 2023, nur sieben Monate später, lag der Preis für eine Feinunze bereits wieder bei rund 1.950 US-Dollar. Damit hatte Gold innerhalb weniger Monate fast den gesamten vorherigen Rückgang aufgeholt.
Genau deswegen lohnt sich der Blick auf die heutige Situation.
Denn heute stehen wir nicht am Anfang eines Zinsanstiegs von nahezu null auf über fünf Prozent. Ein großer Teil dieser Bewegung liegt bereits hinter uns. Selbst wenn die amerikanische Notenbank noch ein- oder zweimal kleinere Zinsschritte vornehmen sollte, sprechen wir über eine völlig andere Größenordnung als 2022 und 2023.
Und trotzdem zeigt Gold eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Das Edelmetall hat die bisherigen Zinserhöhungen nicht nur verkraftet, sondern sich auf einem hohen Preisniveau behauptet.
Die entscheidende Erkenntnis daraus ist: Der historische Zinsschock ist bereits erfolgt. Auch heute liegt der Goldpreis rund 32.000 US-Dollar je Kilogramm unter seinem bisherigen Höchststand von etwa 161.000 US-Dollar je Kilogramm. Damit befinden wir uns in einer vergleichbaren Situation: Weitere Zinserhöhungen dürften den Goldpreis vermutlich weniger beeinflussen als die massive Zinswende von 2022 und 2023.
Wenn der Markt heute bereits auf einem deutlich höheren Zinsniveau steht und Gold sich trotz dieses Umfelds vergleichsweise stabil behauptet, spricht das für eine anhaltende Stärke des Edelmetalls. Sollte die Federal Reserve die Erwartung einer Zinssenkung auslösen und sich damit ein neuer Zinssenkungszyklus abzeichnen, könnte genau das der Moment sein, in dem sich die bisherige Widerstandsfähigkeit von Gold in eine neue und wesentlich größere Dynamik verwandelt.
Das macht Gold nicht zu einer kurzfristigen Wette auf die nächste Fed-Sitzung. Es macht Gold zu einem Vermögenswert, dessen Bedeutung gerade dann sichtbar werden kann, wenn das Vertrauen in die Stabilität des bestehenden Finanzsystems auf die Probe gestellt wird.
Die aktuelle Entwicklung der Edelmetalle sehen wir daher nicht als Grund zur Panik. Vielmehr kann eine Korrektur innerhalb eines langfristig intakten Trends für Anleger ein Anlass sein, die eigene Positionierung bei physischen Edelmetallen zu überprüfen.
Servet Yasar
Geschäftsführer – Golden Rock Capital GmbH
Disclaimer: Dieser Text sowie die Hinweise und Informationen stellen keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Edelmetallen oder Wertpapieren dar. Sie dienen ausschließlich der persönlichen Information. Es wird keine Empfehlung für eine bestimmte Anlagestrategie abgegeben. Die Inhalte von Golden Rock Capital GmbH richten sich ausschließlich an natürliche Personen.



